DAV Sektion Niederelbe-Hamburg

Nachrichtenblatt Nr. 4/04

Am 12. September starb nach schwerer Krankheit unser Mitglied und langjähriger Helfer in der Geschäftsstelle

Karsten Heinatz.

Lieber Karsten,

viele, viele Jahre warst Du der gute Geist in unserer Geschäftsstelle. Du machtest die Mitgliederverwaltung und hattest immer ein offenes Ohr für alle Anfragen und Wünsche unserer Mitglieder. Es war überhaupt Deine Art, Dein Wille und Dein Leben in erster Linie für andere tätig zu sein und zu helfen. Viel Zeit und auch Geld opfertest Du auch für unsere ausländischen Mitbürger, Deine eigenen Wünsche traten dabei weit in den Hintergrund, sowie Du auch Unverständnis und Anfeindungen im Umfeld dafür einstecktest. Auch Sie werden hoffentlich Deiner in Dankbarkeit gedenken. Im kommenden Jahr wolltest Du Dir endlich einen lang ersehnten Bergurlaub gönnen.

Durch Zufall erhielt ich ein von Dir geschriebenes Gedicht und ich glaube, es ist der geeignete Nachruf für Dich. Die Überschrift: „Der Bergwehkeim“ und dieser plagte Dich schon viele Jahre und das Wort „vorbei“, hat nun auch einen ganz neuen Sinn bekommen; vorbei sind nun leider alle Deine Zukunftswünsche und Träume.

Wir verabschieden uns in Dankbarkeit von Dir und wünschen Dir ewigen Frieden. Du wirst uns sehr fehlen.

Uwe Hornschuh
 
 
  Der Bergwehkeim (von Karsten Heinatz)  
     
  Vorbei die schönste Zeit im Jahr, da wieder im Gebirg’ man war  
  mit Rucksack, Pickel, Eisen, Seil; mal Gletscher, Fels, mal flach, mal steil,  
  mal schmale Pfade, kurvenreich, mal breite Weg’, landstraßengleich;  
  mit Wandrer-, Klettrer-, Steigerstolz: man ist schon aus besondrem Holz!  
  Vorbei die 3, 4 Urlaubswochen, die man in vollen Hütten schlief,  
  die man des Nachbarn Schweiß gerochen,  
  auch Schuhe-, Strümpfe-, Menschenmief.  
     
  Vorbei, auf einer Alm zu liegen, den letzten Bus zum Dorf zu kriegen,  
  vielleicht sogar, ihn zu verpassen. Vorbei auf Pfad und Berg die Massen,  
  das Balancier’n auf schmalen Stegen,  
  die Einsamkeit auf manchen Wegen;  
  vorbei der Bäche wildes Fließen, vorbei sind Blasen an den Füßen,  
  vorbei die Freud, wenn Blum’ sich zeigten  
  und Tage warm und mild sich neigten;  
  vorbei erhoffte Gipfelruh’, die man allein dann doch nicht hatte;  
  vorbei, von Almen und von Matte, das Glockenspiel von Schaf und Kuh;  
  vorbei Gespräch’ mit Kameraden, das Skiwasser am End der Tour,  
  vorbei das Glück vor einem Schaden-, und dann statt Bett ein Lager nur.  
     
  Vorbei auch, wie die Stille klang, der Hüttenabend mit Gesang;  
  vorbei die blumenbunten Wiesen, aus Wolken stundenlanges Gießen;  
  vorbei die Gämsen, die da g’sprungen, die letzte Luft aus leeren Lungen;  
  vorbei der andern Schnarchenlust, vorbei auch toter Punkt und Frust,  
  auch das Alleinsein mit den Sinnen, die Urkraft spüren, tief hier drinnen;  
  vorbei der Mist, den man verbockte;  
  das Glück, wenn man zur Rast sich hockte;  
  vorbei die Nacht im Stall auf Stroh, und (zögernd erst) das Freirastklo.  
     
  Vorbei, auf bessres Wetter warten, das improvisieren nach den Karten,  
  weil geographisch und nach Zeit, man abgekommen - viel zu weit.  
  Vorbei die langen Gipfeltouren  
  und mühsam durch den Schnee sich spuren,  
  vorbei das Fluchen für die Pein, sich abzumühn bei Sonnenschein  
  (dasselbe gilt auch für den Regen); nie mehr sich über’n Grat bewegen.  
  Vorbei die Umkehr vor dem Ziel; bei Gletscherspalten dies’ Gefühl  
  von Angst und Schauder, Neugier auch,  
  der leichte Druck dabei im Bauch …  
     
  Vorbei das schlimme Rucksacktragen,  
  das Rutschen, Stolpern, Zweifeln, Wagen;  
  vorbei der Schweiß auf langen Steigen,  
  das Gruseln, wenn sich Wände neigen,  
  der Ärger über’n Gipfelschmutz; ein Tag ganz ohne Schatten, Schutz;  
  vorbei das Stechen in den Knien, das Stemmen, Drücken, Sichern, Zieh'n.  
  Verärg’rung über zuviel Lifte, und über lockre Seil und Stifte;  
  vorbei, sich auch am Einstieg drängen  
  und oben, sein’ Gedank’ nachhängen;  
  nie wieder Steige, überfüllte, wo jeder gegen jeden brüllte,  
  als gäb’s Kultur zu Hause nur...,doch hier: von Anstand keine Spur,  
  vorbei das nächtlich biwakieren, trotz Schlafsack Nässe, Kälte spüren;  
  vorbei sind stundenlanges Geh’n, und sich nach einer Dusche seh’n,  
  die dann kaputt, besetzt, verdreckt  
  und „kalt" statt „heiß" den Wandrer schreckt.  
     
  Vorbei sind Donner, Angst und Blitz, und im Geschirr der schlechte Sitz;  
  und unpassend der Büchsenschiss, an Grat, Kamin; bei Wand und Riss;  
  vorbei, aus Dosen Kaltes speisen, und Karabiner, Helm und Eisen  
  herum zu schleppen (wie das schlauchte),  
  nur weil man das „ein“-mal gebrauchte!  
     
  Vorbei, das lange Wandern, Geh’n, schön langsam, sicher, nur nicht steh’n;  
  vorbei sind Risiko und Mut; Enttäuschung auch und oftmals Wut  
  über vom Ski zerfetzte Hänge, wo Furchen sich und Narben dränge’  
  statt Blumen, Murmeln, liebes Vieh; und dann die Forstwegemanie!  
  Vorbei sind Wolken, die sich türmen, die anderntags vorüber stürmen,  
  am dritten Tage dann – vielleicht – hoch oben schweben, federleicht;  
  vorbei, dass man den Halo schaute, den Unheilskreis um uns’re Sonne;  
  vorbei nach Schwierigstem die Wonne; das Edelweiß, das nicht geklaute;  
  der Schlaf, den man dann doch noch fand  
  im zug’gen Joch, in schiefer Wand.  
     
  Vorbei, was man nach Haus geschrieben: ein Klettrer ist im Fels geblieben,  
  das schockt, auch hier, hält ab vom Tun:  
  „Wir werden ein’ Tag länger ruh’n“.  
  Vorbei die letzten Abstiegsschritte, und schließlich dann die letzte Hütte  
  (wo, wie zum Hohne, zum Verdruss, man auf dem Boden kam zu liegen,  
  weil Bessres wieder nicht zu kriegen:  
  Wie wünscht man sich ein Bett zum Schluss).  
     
  Vorbei nun endlich Qual und Pein: Jetzt müßt Erholung möglich sein!  
  Nie wieder Rucksack, Helm und Eisen,  
  nie wieder, sich bei Sturm beweisen,  
  nie wieder stundenlanges Wandern, nie wieder Touren, Pläne ändern,  
  nie wieder Gletscher, Wände, Schnee: das nächste Mal geht’s an die See!  
  Vorbei die nicht gekonnten Wanderlieder.  
  Alltag, beschießner, du hast mich wieder.  
     
  Mit festem Vorsatz fährst Du heim, doch keimt in Dir der Bergwehkeim.  
  Hast Du erst Deinen Zorn gelegt, und die Erlebnisse gepflegt,  
  sind alle Mühsal erst vergessen, packt es Dich wieder, wie versessen;  
  und neben den Erinnerungen, da stehn die nächsten Vorbereitungen  
  fürn Bergurlaub im nächsten Jahr; ‘s gibt vieles, wo ich noch nicht war,  
  das muss ich all noch kennen lernen,  
  zum Ärgern erst und dann zum Schwärmen.  
     
  Wer seine Berge richtig liebt, ist gern bereit, in Kauf zu nehm,  
  was an Strapazen es da gibt.  
  Erholung gibst trotz alledem.  
  Statt Heimweh, wenn ichs richtig seh,  
  zieht ihn zurück sein Bergeweh;  
  elf Monat Bergweh sind allweil  
  ‘ne lange Wartezeit – Bergheil.  

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THI 16.09.04